Von einer, die auszog UNIX zu lernen

An die UNIX-Vorlesungen bei Professor Plate, die ich ein Semester lang als Gasthörerin genießen durfte, kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Aber von den damals erworbenen Kenntnissen profitiere ich heute noch bei der Einrichtung und Pflege diverser Websites. Diese Glosse erschien trotz ihres Insidercharakters im BTX-Magazin:

Das langgezogene Gebäude in der Infanteriestraße erinnert von außen an ein Postamt. Innen wird dieser Eindruck jedoch sofort korrigiert: Der unwiderstehliche Charme einer Stasibehörde nimmt den Besucher gefangen.

Jeden Donnerstag versammeln sich in Raum 101 um 13.15 Uhr rund vierzig ausschließlich ältere Semester zum Mittagessen. Den Jüngeren ist nicht etwa der Appetit vergangen; sie müssen draußen bleiben, weil der Zutritt zum UNIX-Mittagstisch erst ab dem achten Semester freigegeben ist. Während die Studenten noch ihre Brote auspacken, betritt der Tischredner den Saal und beginnt gleich mit der Unterhaltungssendung. Über die Korrelation zwischen Tafelsauberkeit am Anfang der Vorlesung und Prüfungsschwierigkeit am Ende des Semesters philosophierend, wischt er schwungvoll die archaische Schiefertafel.

Die Begeisterung für sein Thema reißt den Vortragenden mit. Oft hat man den Eindruck, auf einem Hackerkongress zu sein und nicht in einer Vorlesung für zukünftige Systemadministratoren. Aber der Professor, der in seinem Script „Platte“ aus Gewohnheit mit nur einem „t“ schreibt, besteht darauf, daß auch die allerbravsten Administratoren wissen müssen, was böse Buben alles anrichten können, wenn man ihnen entsprechende Sicherheitslöcher läßt. Oft und gern spricht der Professor auch über intime Beziehungen. Zwischen Prozessen natürlich. Da werden Kinder gezeugt, Witwen und Waisen zurückgelassen, und manchmal geistern sogar Zombies durchs System. Die Studenten kauen ungerührt weiter, es ist schließlich hellichter Nachmittag. Überhaupt läßt der Enthusiasmus des Publikums manchmal zu wünschen übrig. Spontane humoristische Einlagen finden nur partielle Resonanz. Ob das an der Qualität der Darbietung oder an der einsetzenden Verdauung liegt, ist schwer auszumachen.

Fragen ans Publikum bleiben weitgehend unbeantwortet. Dafür gibt es manchmal Fragen aus dem Publikum: „Kann ich meine DOS-Programme auch unter UNIX laufen lassen?“ Die Frage wird souverän mit einer zehnminütigen Abhandlung über Version 0.9 des DOS-Emulators für Linux beantwortet. Nur leider ist der Frager zwischendrin ausgestiegen. Das zeigt sich an der Zusatzfrage: „Ich dachte, UNIX wäre portabel?“ Dezent und mit unbewegtem Gesicht steuert der Professor wieder zu seinem Stoff zurück. Allein diese schauspielerische Leistung ist den Nachmittag wert.

Kaum zu glauben, noch vor zwei Jahren haben E-Techniker während ihrer Ausbildung nicht mehr über Betriebssysteme gehört als ein Schuhverkäufer. Jetzt haben sie immerhin die Möglichkeit, sich bei Bedarf positiv von Al Bundy zu unterscheiden.

Fredrika Gers

(Meine Meinung gibt garantiert nicht die Meinung der Redaktion wieder. Reklamationen bitte nach DEV/NULL, Lob an marlene@cube.net – falls die FH jemals einen Ausgang ins Internet erhält.)


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