Mein allererstes Bergerlebnis

Unsere Eltern waren mit meinem Bruder (10) und mir (12) von Hamburg in den Urlaub ins Allgäu gefahren. Wir Kinder hatten praktisch noch nie einen Berg gesehen, und meine Eltern kannten Berge eigentlich auch nur von Postkarten.

Ich fand diese Erhebungen in der Landschaft auf Anhieb sehr interessant. Also überredete ich meinen Bruder, am nächsten Tag mit mir “wandern” zu gehen. Warum meine Mutter das erlaubte, weiß ich bis heute nicht. Auf jeden Fall zogen wir los, natürlich in Turnschuhen und kurzen Hosen. Mein Bruder hatte irgendwo einen Pickel aufgegabelt, den nahmen wir mit. Wir gingen bergwärts, zunächst auf einem Forstweg, doch der wurde uns schnell zu langweilig. Daher bogen wir auf einen Grashang ab. Den gingen wir gerade hinauf.

Das ging eine ganze Weile gut, doch später wurde der Hang immer steiler, dabei lehmig und rutschig. Mein Bruder, der schon immer klettern konnte wie ein Affe, gab mir den Pickel. Den haute ich jetzt in den Lehm und zog mich daran hoch.

Irgendwann war klar, dass wir nicht mehr umkehren konnten. Wir konnten nur noch aufwärts. Wir konnten nur weiterklettern und hoffen, irgendwann wieder flacheres Gelände zu erreichen. Mein Bruder kam rauf, ich nicht. Nur wenige Meter unter dem Ende des Hanges blieb ich hängen. Ich konnte nicht mehr vor und nicht zurück. Ich hielt mich mit einer Hand an dem Pickel fest und hatte unter den Füßen keinen richtigen Halt mehr. Mein Bruder schrie von oben nach mir. Ich schrie zurück, dass ich nicht weiterkönnte.

Ich war überzeugt davon, dass ich jetzt sterben müsste, und überlegte mir Folgendes: Entweder ich hänge hier, bis ich nicht mehr kann und runterfalle. Bis dahin habe ich die ganze Zeit Angst. Oder ich lasse sofort los und falle und bin tot und habe keine Angst mehr. Das erschien mir sinnvoller. Also rief ich zu meinem Bruder hinauf: “Ich lass jetzt los!”

Und ließ los.

Ich fiel ein paar Meter, rutschte durch Dornen und über Schrofen und blieb dann an einem Busch hängen. Zum Glück an einer Stelle, von der ich zur Seite weg den Steilhang verlassen konnte. Ich war von oben bis unten aufgeschürft, und hatte noch Wochen später überall blaue Flecke. Aber sonst ist nichts passiert.

Die Wirtin der Pension erzählte meiner Mutter später, dass wir uns den einzigen Steilhang in der ganzen Gegend ausgesucht hätten.

Seltsamerweise ziehen gerade grüne Gipfel mich immer noch besonders an. In Berchtesgaden heißen solche Plätze oft Laub, Lab oder Labl. Deshalb war ich natürlich auch schon am Watzmann-Labl und am Hanauerlaub.


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