Kultur-Ikonen (fast) unter sich

An das Event, das mich zu dieser Betrachtung inspirierte, kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Auf meinem Computer fand sich die Datei mit Datum Juli 1995:

Letzte Woche beschloß ich spontan, etwas für meine Kultur zu tun. Was lag da näher, als eine Dichterlesung zu besuchen? Lesungen sind sogar heutzutage oft noch umsonst.
Kurz vor acht fand ich mich in der kleinen Schwabinger Buchhandlung ein. Das war bereits der erste Fehler, denn nun fand ich mich fast eine halbe Stunde lang allein mit dem Buchhändler und dem Autor. Eigentlich war ich zum Zuhören gekommen, doch nun sah ich mich plötzlich gezwungen, mit wildfremden und vermutlich auch noch hochgebildeten Menschen Konversation zu treiben.

Obwohl es kostenlos billigen Weißwein gab, erschien mir die Ankunft eines weiteren Gastes wie eine Erlösung. Der in verschiedenen Gelbtönen gekleidete dicke Mann mit blonden Locken nahm mir wenigstens den Dichter ab. Er erzählte dem Wortschmied von seinem neuesten Drama: “Ich habe es in Französisch geschrieben, wegen der größeren Authentizität.” Der Dichter fragte den Dramatiker, wer das denn aufführen solle, deutsche oder französische Bühnen? Der Dramatiker hatte sich noch nicht festgelegt, und so empfahl der Dichter ihm einen deutschen Regisseur, der jedoch in Paris lebt. Ich, die ich mit halbem Ohr zuhörte, empfand dies als gelungenen Kompromiß.

Dann füllte sich der kleine Raum, jeder durfte sich einen Klappstuhl klappen, und schon ging die Lesung los. Ich war heilfroh, daß ich nicht mehr reden mußte. Die nächste halbe Stunde las der Dichter aus seinem neuen Roman vor, der in Berlin, Frankfurt und Indien spielte, mit einigen Abstechern nach Bordeaux.

Nachdem wir auf diese Weise über die bevorzugten Ferienziele des Autors informiert waren, durften wir Fragen stellen. Schon wieder dieser Leistungsdruck. Doch diesmal lastete er wenigstens nicht auf mir allein. Man sah richtig, wie die Zuhörer grübelten und grübelten. Dichter und Buchhändler blickten erwartungsvoll in die Runde, es war peinlich, sie so enttäuschen zu müssen. Doch keinem wollte eine sinnvolle Frage einfallen.

Dann die Erleichterung: Brav, wie in der Schule, zeigte eine mittelalte Dame auf. Und als man ihr freundlich zunickte, fragte sie, ob es wohl Zufall sei, daß der linkische Zugführer ausgerechnet “Belsenberg” heiße. Natürlich sei das kein Zufall, beschied sie der Dichter. Worauf die Zuhörerin in überschwengliche Begeisterung ausbrach, weil er Vergangenheit und Gegenwart so subtil verknüpft habe. Ich war ebenfalls sehr beeindruckt.

Fredrika Gers


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