Interview mit einer Kriminalbeamtin

Das Interview stelle ich hier in ungekürzter Version für meine Mörderischen Mitschwestern bereit, da sie mir bei der Auswahl der Fragen geholfen haben. Eben wegen dieser Ungekürztheit lasse ich den Namen jedoch weg.

MM: Du bist Kriminalbeamtin. Welche Art von Verbrechen bearbeitest du und was sind deine wichtigsten Aufgaben dabei?

Ich übe diesen Beruf nun schon seit 27 Jahren aus. Da habe ich in den verschiedensten Bereichen gearbeitet, zum Beispiel als Mitglied einer Observationseinheit, als Ermittlerin im Bereich der Eigentums- und der Drogenkriminalität, in Sonderkommissionen (SOKO) nach Tötungsdelikten oder auch als Verhandlerin in Geiselnahme- und Entführungsfällen. Die Aufgaben variierten je nach Tätigkeitsfeld sehr stark. Es waren aber immer eine gute Beobachtungsgabe, besondere kommunikative Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen und psychologisches Hintergrundwissen gefragt, um gute Ergebnisse zu erzielen. Natürlich muss man sich als Polizist aber auch so weit mit den entsprechenden Rechtsgrundlagen auskennen, dass man handlungssicher ist.

MM: Was magst du besonders an deiner Arbeit?

Zum einen mag ich, dass ich innerhalb meines Berufes aus einer wirklich großen Vielfalt an Tätigkeiten wählen kann. Es war in all den Jahren wirklich noch nie langweilig.

Zum anderen interessieren mich all die Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten mit den unterschiedlichsten Schicksalen, die dazu geführt haben, dass sie mit der Polizei in Berührung gekommen sind – ob als Täter oder auch als Opfer.

MM: Gibt es Dinge, die du an den Abläufen gern verbessern würdest?

Verbesserungswürdig finde ich in jedem Fall das Personalmanagement. Das Verlagern von immer mehr Aufgaben auf immer weniger Personal führt auf lange Sicht zum Infarkt einer Organisationsstruktur. Die Verantwortlichen haben Glück, dass so viele meiner Kollegen trotz der hohen Arbeitsbelastung und mit relativ geringer Rückendeckung von Seiten der Politik mit ungebrochen hoher Motivation ihren Beruf ausüben.

MM: Was ist im wahren Ermittler-Leben anders als in Fernsehkrimis oder Thrillern?

Nun sind die Krimis in ihrer Qualität ja sehr verschieden…..

Ich kann dir aber schon mal versichern, dass niemandem aus unserem Berufsstand täglich brennende Autos um die Ohren fliegen. Wir springen auch nicht stündlich aus explodierenden Häusern und auch Schusswaffen kommen (zum Glück) viel seltener zum Einsatz als in der abendlichen Krimiserie.

Man muss sich klar machen, dass Thriller und Krimis, ob im Film oder als Buch, in erster Linie Spannung erzeugen und unterhalten sollen. Da wird dann schon mal die „langweiligere Seite“ meines Berufes, nämlich die ganze Arbeit am Schreibtisch, beispielweise das Verfassen von Berichten, das Erstellen von Gerichtsakten oder das Bestücken von Datenbanken weggelassen.

Gut finde ich, dass in immer mehr Krimis nicht nur der eigentliche Ermittlungsfall im Vordergrund steht, sondern auch die private Situation der Ermittler. Da geht es um die Beziehungsprobleme wegen der ständigen Überstunden, um den Spagat zwischen Dienst und Privatleben und um die engen Kontakte zu den Kollegen, mit denen man mehr belastende Situationen erlebt und irgendwie verarbeiten muss und letztlich auch mehr Zeit verbringt als mit seinen Lieben daheim. Das finde ich oft recht treffend dargestellt.

MM: Als Polizeibeamtin hast du mit einer Negativauswahl der Menschheit zu tun. Inwiefern beeinflusst das den täglichen Umgang mit deinen Mitmenschen? Auf welche Dinge achtest du?

Negativauswahl klingt sehr hart, wenn du bedenkst, dass eigentlich jeder von uns schon mal das eine oder andere Gesetz übertreten hat. Das passiert ganz schnell mal, dass man die „Spielregeln“ der Gesellschaft, in der man lebt, missachtet.

Als Polizeibeamtin bekomme ich derartige Übertritte allerdings öfter zu sehen als andere. Und das beeinflusst mich täglich. Das Leid, das Opfer von Kriminalität erfahren, lässt mich nach all den Jahren im Beruf auch heute noch nicht kalt.

Und Straftaten, bei denen Einzelne sich auf Kosten der Gesellschaft, in der sie leben, bereichern, ärgern mich auch.

Wenn ich mich im öffentlichen Raum aufhalte, achte ich automatisch auf das Verhalten der Menschen um mich herum und habe ein Gespür für brenzlige Situationen entwickelt. Ich achte darauf, nicht unmittelbar im Zentrum einer Gefahrenzone zu sein. Ich verstaue Wertsachen und trage mitgeführte Taschen bzw. Gepäck bewusst. Aber hundertprozentig kann auch ich mich nicht schützen. Gerade vor kurzem ist mein Fahrrad gestohlen worden. Und vor einigen Jahren wurde z.B. mein Auto aufgebrochen und das Radio gestohlen.

MM: Was muss deiner Meinung nach passieren, damit eine normale Person kriminell – womöglich gar zum Mörder wird?

Das Verhalten und das Handeln von Menschen ist stets bedürfnisorientiert. Individuelle Bedürfnisse stehen dabei oft im Spannungsfeld zu den Bedürfnissen der Gruppe, in der man lebt. Die Frage ist nur, ob dabei Gesetze übertreten werden, die die Gruppe aufgestellt hat.

Das Bedürfnis sich zu bereichern ist z.B. ein auf der Hand liegendes Motiv alle möglichen Formen von Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Fälschung oder zwielichtigen Geschäften.

Gefühle spielen auch eine tragende Rolle auf dem Weg vom rechtskonformen zum kriminellen Verhalten. Ein Blick hinter die Kulisse von Tötungsdelikten zeigt, dass oft Affekthandlungen nach ausufernden Konflikten und gewalttätigen Auseinandersetzungen zugrunde liegen. Gefühle wie Wut, Eifersucht, Gier, Ehrkränkungen, Gesichtsverlust oder Neid spielen eine große Rolle bei der Tatbegehung.

Vielleicht wird jetzt bereits deutlich, wie sehr es von der Sozialisierung eines Menschen und von dessen Fähigkeiten, Konflikte zu bewältigen und Frustrationstoleranz zu entwickeln, abhängt, ob er zum Straftäter wird oder nicht.

MM: Kriminalbeamte müssen oft nachts raus – wie vereinbarst du das mit deinem Privatleben?

Das ist sehr belastend und bleibt auf Dauer auch nicht ohne gesundheitliche Folgen.

Mal ganz abgesehen vom Schlafmangel und der anstrengenden Arbeit während der eigentlichen Tiefschlafphase ist es auch ärgerlich, Eintrittskarten verfallen lassen zu müssen oder von Feiern oder Treffen mit Freunden weggerufen zu werden. Und nach den nächtlichen Einsätzen ist man oft so aufgewühlt, dass man schlecht in den Schlaf findet.

Vom Partner, der Familie und dem Freundeskreis wird einiges abverlangt, ständig Verständnis dafür aufzubringen.

MM: Stimmt es, dass Beamtinnen in bestimmten Situationen deeskalierend wirken -einfach weil sie Frauen sind? Wirst du aus diesem Grund manchmal extra angefordert – und bei wem funktioniert diese „Beiß-Hemmung“ erfahrungsgemäß nicht?

Ich weiß nicht, ob ich das abschließend sagen kann…. Bestimmte Faktoren in der verbalen und in der non-verbalen Kommunikation wirken in Konfliktsituationen deeskalierend. Diese Faktoren sind nicht per se geschlechtsspezifisch. Allerdings beherrschen Frauen diese Kommunikations-Instrumente oft intuitiv recht gut.

Schwierig wird es immer in Gesprächssituationen mit Menschen aus Kulturkreisen, in denen die Rolle der Frau sich anders darstellt als in der westeuropäisch geprägten Gesellschaft. Dort habe ich zum Teil Akzeptanzprobleme erlebt.

MM: Wenn einem mal ein Fall besonders nahegeht, inwieweit unterhält man sich unter Kollegen darüber?

Das ist wohl von Kollege zu Kollege recht unterschiedlich. Ich persönlich spreche immer mit vertrauten Kollegen darüber, wenn mir mal etwas an die Nieren gegangen ist. Mein Eindruck ist, dass die Männer sich oft schwerer tun, ihre Erschütterung in Worten auszudrücken, wenn sie Belastendes erlebt haben.

In manchen Dienststellen gibt es nach belastenden Einsätzen auch ein institutionalisiertes „De-Briefing“, also eine Art Nachbereitung des Erlebten mit professioneller Begleitung eines entsprechend ausgebildeten Moderators. Da wird dann im Kollegenkreis über die belastende Situation gesprochen.

MM: Wird euch nach schwierigen Einsätzen eigentlich psychologische Betreuung angeboten – bzw. in welchem Fällen würdest du es für sinnvoll erachten?

In den Bereichen, in denen ich bisher gearbeitet habe, gibt es dieses Angebot. Es ist insbesondere immer dann hilfreich und sinnvoll, wenn besonders gewalttätige oder martialische Dinge erlebt wurden und man mit den Abgründen menschlichen Handelns konfrontiert wird, wie z. B. bei Kindesmisshandlungen, Folterungen, Schusswaffengebrauch, Tötungen, Selbsttötungen. So etwas geht nie spurlos an uns Menschen vorüber.

MM: Inwiefern helfen dir deine kriminalistischen Fähigkeiten bei Mensa-typischen Rätseln?

Die Rätsel sehe ich eher als Zeitvertreib, Vergnügen, Gehirnjogging, Logik-Training.

Bei der Rekonstruktion von Verbrechen muss ich aber in Betracht ziehen, dass Menschen sich oft nicht logisch oder vernünftig, sondern weitestgehend affektiv verhalten. Daher sind eher eine gute Beobachtungsgabe, besondere kommunikative Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen und psychologisches Hintergrundwissen gefragt. Das sind die Fähigkeiten, die gute Kriminalisten ausmachen.

MM: Liest du eigentlich Kriminalromane und welche magst du am liebsten? Was würdest du den Autoren gern mal ins Stammbuch schreiben?

Ja, ich lese und ich mag Kriminalromane. Angefangen hat alles mit Agatha Christie und Arthur Conan Doyle, die ich schon als Teenager gerne gelesen habe.

Auch heute gefallen mir immer noch die Krimis am besten, in denen kauzige Ermittler mit all ihren Schwächen und Problemen unter widrigen Bedingungen ihre Fälle bearbeiten. Die Spannung darf aber natürlich auch nicht zu kurz kommen.


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