Interview im Mensa-Magazin April 2012

Frage: Du bist in der Großstadt Hamburg aufgewachsen, lebst aber seit acht Jahren in einem der hintersten bayerischen Bergtäler, dem Berchtesgadener Land. War das ein Kulturschock?

Fredrika Gers: In der Tat. Ich bin ja vorher schon häufig umgezogen, habe in Düsseldorf, Frankfurt, München gelebt. Der Unterschied zwischen diesen Städten besteht hauptsächlich darin, dass man zum Brötchen mal „Rundstück“ und mal „Semmel“ sagt. In Berchtesgaden hingegen muss man sich wirklich umstellen. Das fängt schon damit an, dass man sich nicht aussuchen kann, welchen Film man im Kino sehen möchte. Weil es nur ein Kino gibt. Auch ist man noch wirklich abhängig von den Naturgewalten, vor allem im Winter. Anfangs haben wir direkt zu Füßen des Watzmann gewohnt, in der Schönau. Da musste man bei Schneelage ständig überlegen, welche Straßen aktuell fahrbar sind und ob man überhaupt wieder nach Hause kommt, wenn man jetzt wegfährt.

Frage: Was hat dich überhaupt ins bayerische Hinterland gezogen? Und was hält dich dort fest?

Fredrika Gers: Mein Mann ist Berchtesgadener, seine Familie wird schon im 16. Jahrhundert in alten Urkunden erwähnt. Wir haben uns in München kennengelernt, und dann war klar, dass ich zu ihm ziehe. Ein Berchtesgadener geht nicht gern aus seiner Heimat weg. Selbst die, die auswärts studieren, kommen meist wieder. Heute möchte ich selbst nicht mehr weg. Ich liebe die Berge und bin bestimmt hundertmal im Jahr irgendwo draußen unterwegs. Einmal musste ich allerdings auch schon die Bergwacht rufen.

Frage: Das hört sich ja dramatisch an. Warst du verletzt?

Fredrika Gers: Nein, ich habe es nur geschafft, mich in eine Lage zu manövrieren, in der ich weder vor noch zurück konnte. Ich habe an einer steilen Wand einen alten Steig gesucht, der heute nicht mehr begangen wird. Tja, ich habe ihn nicht gefunden. Stattdessen saß ich irgendwann auf einem kleinen Felsvorsprung fest. Raufsteigen ist ja bekanntlich leichter als runter. Es war ein warmer Sommertag mit stabilem Wetter, sonst hätte ich mich auch gar nicht in dieses Gelände gewagt. Insofern bestand keine akute Gefahr. Aber ich brauchte Hilfe, um dort runterzukommen. Mir war das hauptsächlich furchtbar peinlich. Wenn man in der Heimatzeitung liest, dass sich Touristen irgendwo verstiegen haben, dann denkt man immer, dass einem selbst so etwas nicht passieren kann. Jetzt weiß ich es besser. Abenteuerlust und Endorphine sind eine brisante Mischung.

Frage: Das Berchtesgadener Land ist nicht gerade für sein überbordendes Angebot an Mensa-Veranstaltungen bekannt – soviel ich weiß, warst du lange Zeit das einzige Mitglied in deiner Gegend?

Fredrika Gers: Ja, inzwischen sind wir immerhin zwei im Berchtesgadener Land. Diese spärliche Zahl hat nicht nur damit zu tun, dass der Landkreis, obwohl größer als Hamburg, lediglich 100+y+000 Einwohner hat. Es liegt eher daran, dass man in Berchtesgaden seine Intelligenz nicht heraushängen lässt. Zu Füßen des Watzmann zählt ein Handwerker mehr als ein „Studierter“. Hier gibt es sogar diverse helle Köpfe, die lieber körperlich arbeiten, als sich hinter einen Schreibtisch zu klemmen.

Frage: Du bist seit einer halben Ewigkeit Mitglied bei Mensa, deine Mitgliedsnummer ist die 111. Was bedeutet Mensa für dich?

Fredrika Gers: Bei meinen früheren Umzügen von einer Stadt zur anderen war der örtliche Stammtisch immer die erste Anlaufstelle. Heute komme ich nicht mehr so häufig zu Veranstaltungen, aber ich lese das Mensa-Magazin und die Newsgroups und wandere ab und zu mit der GamSig. 2007 habe ich eine Gruppe Mensaner hierher gelockt und bin mit ihnen auf den Watzmann gestiegen. Das hat einen Riesenspaß gemacht. Außerdem war darunter rein zufällig jemand, der in Berlin für Entwicklung im ländlichen Raum zuständig ist. Ich hoffe, dass ich dem die Bedürftigkeit des Berchtesgadener Landes entsprechend nahebringen konnte.

Frage: Dein beruflicher Lebenslauf liest sich selbst in Kurzfassung spannend: Bank – Schiffsmaklerin – erfolgreiche Werbetexterin. Wie lautet die Langfassung?

Fredrika Gers: Die würde wohl den Rahmen sprengen. Es rücken immer wieder neue Dinge in den Fokus. Ich habe auch schon als Existenzgründungscoach gearbeitet und Websites in TYPO3 programmiert. Momentan studiere ich Psychologie an der Fernuni.

Frage: Und du schreibst. In den 90er-Jahren hast Du zwei Romane über die damals noch junge Computerszene veröffentlicht, „Lange Leitung“ und „Netzjagd“. Wie kam es dazu?

Fredrika Gers: Ich kaufte mir 1987 einen Computer und ein Modem und begann, mich in den damaligen Multiuser-Mailboxen und auf Compuserve herumzutreiben. Die Online-Welt zog mich sofort in ihren Bann – diese Möglichkeit, Menschen zuerst von innen kennenzulernen, durch ihre online geäußerten Gedanken und Ansichten, bevor man sie irgendwann einmal persönlich zu Gesicht bekam. Diese Erlebnisse wollte ich teilen, denn damals waren Online-Bekanntschaften noch etwas sehr Exotisches.

Frage: Und so etwas Exotisches ist dir später nie wieder passiert?

Fredrika Gers: Doch! Das Leben in Berchtesgaden ist für eine Großstädterin genauso exotisch, wie es damals die Online-Welt war. Schon kurz nach meiner Ankunft im Talkessel habe ich daher mit der Materialsammlung begonnen. Und jetzt gibts wieder einen neuen Roman, einen Regionalkrimi. Er heißt „Die Holzhammer-Methode“ und kommt bei Rowohlt heraus. Der Nachfolger ist auch schon fast fertig, es wird eine ganze Serie.

Frage: Kannst du etwas mehr dazu verraten?

Fredrika Gers: Natürlich ist es keine anspruchsvolle Literatur, sondern hoffentlich lustig und unterhaltsam. Wichtiger als die Jagd nach dem Mörder ist mir das Lebensgefühl hier im Talkessel. Die Natur und die eigenwilligen Einheimischen sind die eigentlichen Helden. Besonderen Spaß macht es mir, Klischees zu widerlegen. Andere hingegen werden eindrucksvoll bestätigt, das gehört auch dazu.

Frage: Auf deiner Internetseite „BGL-Portal“ berichtest Du nicht nur von Deinen Bergtouren, sondern veröffentlichst auch „Sitten, Gebräuche und Schrulligkeiten der Ureinwohner“. Keine Angst davor, eines Tages mit Mistgabeln und Dreschflegeln aus dem Ort vertrieben zu werden?

Fredrika Gers: Mein Mann prophezeit, dass ich spätestens im Juni gelyncht werde, wenn die „Holzhammer-Methode“ erscheint. Aber da liegt er sicher falsch, denn in Berchtesgaden ist ja das „Antreiben“ eine anerkannte Kunstform. Und der Angetriebene wird daran gemessen, wie gut er herausgibt. Wer beleidigt ist, hat schon verloren. Auch auf meine Kosten wurden schon diverse Witze gemacht; am Anfang habe ich das oft nicht einmal gemerkt. Inzwischen kriege ich es zwar mit, aber mit dem Herausgeben hapert es noch. Mir als Höhlentexter fällt der passende Spruch oft erst später ein.

Frage: Und wer ist nun der Mörder?

Fredrika Gers: Sehr witzig!

Frage: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Max Voigtmann.


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