Gebrauchsanweisung für Online-Beziehungskisten

Die folgenden Empfehlungen sind fünfzehn Jahre alt, gelten aber immer noch:

Heute wenden wir uns der brennenden Frage zu, wie man verhindert, daß einem online das Herz gebrochen wird. Es geht also um die gesundheitsreformgemäße Anbahnung von Online-Beziehungskisten.

Solche herzzerreißenden Geschichten beginnen fast immer im Chat, in der Online-Konferenz. Nur in Ausnahmefällen kommt es vor, daß Romeo oder Julia sich in einen exqusit formulierten Forumsbeitrag verlieben. Auch die durchs Usenet jagenden GIF-Bilder haben zwar ihre eingeschworene Fangemeinde, aber da von Liebe zu sprechen hieße, die Sache am Schwanz aufzuzäumen. Diesem winzigen Teil des riesigen Datenstroms wird von der notgeilen Presse sowieso schon viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als ihm zusteht.

Gut, Sie sind also in Ihre heimische Chat-Mailbox eingeloggt, oder Sie sitzen mit feuchten Händen in der Uni vor dem Terminal oder zu Hause vor Ihrer Datex-j-Endeinrichtung. Und Sie warten, daß Claudia auftaucht. O.k. o.k., ich setze voraus, daß Sie ein Mann sind. Feministinnen dürfen mir deswegen gerne böse Mails schreiben, aber bei dem heutigen Proporz in den Netzen ist das einfach der wahrscheinlichere Fall. Wenn Sie eine Frau sind, setzen Sie für Claudia einfach Claus ein.

Also Claudia ist total nett. Sie haben sich jetzt schon seit einer Woche jeden Abend blendend mit ihr unterhalten. Sie hört immer den gleichen Sender wie Sie. Sie hat die gleichen Ansichten über Politik. Und sie scheint auch noch ein Genie zu sein. Beantwortet zuvorkommend alle Fragen zu den komplizierteren Funktionen des Chat-Systems. Sie ist total witzig und schlagfertig. Zitiert aus Startrek und aus “Das Leben des Brian”. Und als Sie sie gefragt haben, wie sie aussieht, kam genau die Antwort, die Sie sich erträumt haben. Kurzum, Sie sind daruf und dran, sich in Claudia zu verlieben. Obwohl Sie sie noch nie gesehen haben. Keine Sorge, das ist völlig normal. Passiert mir dauernd.

Doch wenn Sie nicht riskieren wollen, Ihr Herz in zwei Teilen wiederzukriegen, sollten Sie jetzt noch einen Moment kühlen Kopf bewahren. Ich weiß, das ist viel verlangt, besonders von einem Mann. Aber es ist zu Ihrem eigenen Besten.

Erster Test: Fragen Sie die anderen User unauffällig nach Claudia. War sie auf dem letzten Usertreffen, oder hat sie sonst schon mal jemand live gesehen? Soso, sie ist zwar seit ein paar Wochen dauernd online, aber persönliche Treffen meidet sie.

Zweiter Test: Fragen Sie Claudia, ob Sie sie mal anrufen dürfen. Oh, sie hat kein Telefon, schade. Hm, wie kann sie dann online sein? Ach so, sie sitzt in der Uni im Rechnerraum, na klar. Verblüffend, daß die dort Archäologiestudentinnen im ersten Semester einen Internet-Account geben. Na gut, Sie glauben die Sache mit dem Telefon. Aber vielleicht kann Claudia ja mal bei Ihnen anrufen? Das ist ihr zu teuer? Sie braucht doch nur ganz kurz “hallo” zu sagen. So, sie mag nicht.

Dritter Test: Bitten Sie um Claudias Adresse. Sie möchten ihr nämlich gern ein Bild von sich schicken, wie Sie Ihren biergepflegten Adoniskörper auf dem Flokati von Ikea räkeln. Zugegeben, wenn Claudia ihre Adresse nicht rausrückt, dann ist das immer noch kein K.o.-Kriterium. Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen gemacht. Und wenn sie es doch tut, dann kann sie immer noch ein Mann sein. Es gab da mal einen Fall in Amerika, da schickte der hoffnungsvolle Liebhaber seiner Angebeten Rosen, und sie ihm Fotos. Erst nach dem Heiratsantrag stellte sich heraus, daß die Angebete ein verheirateter Mann war, der nicht nur gern chattete, sondern auch routinemäßig Schecks fälschte.

Vierter Test: Sie möchten Sie gern treffen. Natürlich auf neutralem Boden, wo Sie sie nicht ins Gebüsch zerren können. Sie kann ruhig zwei Leibwächter mitbringen. Oder fünf Freundinnen. Ganz egal. Vielleicht müssen Sie für das Treffen quer durch die Republik fahren. Aber das sollte es Ihnen wert sein. Sonst erfahren Sie möglicherweise in einem halben Jahr um drei Ecken, daß Ihre große Liebe in Wirklichkeit ein siebzehnjähriger phantasiebegabter Hacker ist. Dann ist es nicht nur viel schlimmer als heute, dann werden Sie auch noch zum Gespött der ganzen Netzgemeinde. Oder haben Sie vielleicht Angst? Könnte ja sein, daß Claudia zwar Ihren Ansprüchen genügt, aber Sie nicht Claudias. Naja, lieber ein Ende mit Schrecken…

Vielleicht sind Sie aber auch der verträumte Typ, bei dem sich sowieso alles im Kopf abspielt. Dann vergessen Sie alles, was ich gesagt habe. Und träumen Sie weiter von der computerkundigen Claudia Schiffer am anderen Ende der Leitung. Viel Spaß!

Fredrika Gers


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