Als Chatten noch etwas Besonderes war

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Dieser Artikel erschien 1997 in einem Spiegel Special zum Thema „online“ . Im Kern ist er immer noch aktuell. Nur die Exotik der Online-Kommunikation hat sich inzwischen ziemlich verloren. Und – ich chatte nicht mehr so viel, dafür wandere ich mehr :-)

Vom Chat zum Bett

1984 habe ich das erste Mal an einer Online-Konferenz teilgenommen, also „gechattet“. Innerhalb von zehn Minuten war ich in die Konversation integriert, obwohl mich die anderen Teilnehmer noch nie gesehen hatten und sich zum großen Teil auf einem anderen Kontinent befanden. Als der Besitzer des Computers, an dem ich saß, nach einer Stunde wiederkam, war mir klar, dass ich auch sowas brauchte. Dass diese Kommunikationsform genau das war, was mir zum Leben gefehlt hatte.

Seit ich es 1987 endlich zu einem eigenen PC brachte, bin ich fast jeden Abend online. In dieser Zeit habe ich rund 100 User persönlich kennengelernt. Und mit persönlich meine ich RL, Real Life, Face to Face. Im Ernst, die Leute am anderen Ende der Leitung sind alle aus Fleisch und Blut. Man wird nicht zum virtuellen Monster, nur weil man sich eines Kommunikationsinstruments bedient, das etwas mehr Elektronik enthält als ein Telefon.

An dieser Stelle höre ich meine Mutter: „Aber diese kalte Technik dazwischen – wo man sich noch nichtmal sieht – wie kann man sich da kennenlernen?“ Die Antwort lautet: „Besser als sonstwo.“

Die virtuellen Kneipen sind freundliche Orte mit entspannter Atmosphäre. Warum auch nicht, schließlich kann jeder Teilnehmer es sich so gemütlich machen, wie er nur will. Ich chatte zum Beispiel oft vom Bett aus, bei laufendem Fernseher, nur mit einem Sweatshirt und dem Notebook auf dem Bauch bekleidet, ein Weißbier neben mir auf dem Nachttisch. Wenn ich keine Lust mehr habe, kann ich von einer Sekunde zur anderen die gastliche Stätte verlassen. Ohne eine Entschuldigung und ohne zu warten, bis die anderen ihr Bier bezahlt haben. Die virtuelle Kneipe hat keine Öffnungszeiten, und sie ist natürlich rauchfrei, schon deshalb halte ich es hier viel länger aus.

O.k., sich da so irgendwie zu unterhalten, mag ja noch hingehen. Aber erzählen Sie mal ihren Verwandten und Offline-Bekannten, Sie hätten Ihren neuen Freund per Computer kennengelernt. Es ist, als hätte man sich das Exemplar per Tintenstrahler selbst gedruckt. Aber Sie können ruhig anfassen, alles echt .

Im Cyberspace laufen wirklich die nettesten Männer frei herum. Nette Frauen auch, aber leider immer noch viel zu wenig. Für mich hat das natürlich den Vorteil, immer Henne im Korb zu sein. (Hallo Frauen, dies war jetzt ein offizieller Geheimtip, verdammt nochmal!)

In der Disco entscheidet ein kurzer Blick, ob der Baggerkönig Chancen hat oder nicht. Dabei ist es ganz egal, was er gegen den Lärm anbrüllt. Im Chat ist es genau umgekehrt. Das Aussehen ist zunächst völlig gleichgültig, es geht ausschließlich um Worte – um die getippten Zeilen auf dem Bildschirm. Zu jung, zu alt, falsche Klamotten – sorry, diese Krücken fehlen. Vielleicht ist es das, was manchen Menschen Angst macht: Sie haben keine Angriffsfläche für ihre Vorurteile.

In diesem Medium lernt man Menschen von innen her kennen. Hat der andere was in der Birne? Hat er Humor, welche politischen Ansichten hat er, ist er schnell beleidigt, was bewegt ihn – was für ein Mensch ist er?

Danke für den Zwischenruf, jaja, es gibt auch Fakes, Leute, die sich online total verstellen. Ich habe aber in 8 Jahren erst einen einzigen kennengelernt. Der hat drei Monate durchgehalten und ein paar Computerkids in sich verliebt gemacht. Die meisten Leute halten das nicht so lange durch. Außerdem ist es auch nicht sinnvoll, denn beim ersten persönlichen Treffen kommt sowieso alles raus. Wenn der Chatpartner sich beharrlich weigert, zu einem Treffen, selbst mit mehreren Leuten im unverbindlichen Rahmen zu erscheinen, ist das ein Indiz, dass Schein und Wwirklichkeit nicht ganz zusammenpassen. (Da fällt mir ein, ich kenne eine nette Frau, die sich seit ein paar Monaten als Mann in AOL-Chats herumtreibt. Offensichtlich erfolgreich – hihi.)

Vergessen wir die Fakes. Thema Kontaktanbahnung. Genauso wie im wirklichen Leben passieren auch online die besten Sachen, wenn man sie einfach geschehen lässt. Wer sofort nach Betreten des Chats anfängt, alle Personen des anderen bzw. gleichen Geschlechts oder beide wild anzubaggern, hat hier noch weniger Chancen als in der Dorfdisco. Er wird entweder rausgeworfen oder ignoriert. Und dieses Ignorieren geht weit über geflissentliche Nichtbeachtung hinaus. Einfach /ignore Harald eintippen, und Nachrichten von Harald werden mir gar nicht mehr angezeigt. Ende der Fahnenstange.

Ich sitze da also friedlich, gemütlich und sicher zu Hause bei einem Weißbier und schwatze online per Tastatur mit fünf, sechs Typen, die kreuz und quer über die Republik verstreut sind. Einer hat sich auch aus USA zugeschaltet, um sein Deutsch aufzupolieren. Wir reden über dies und das, und die Bemerkungen von dem einen Kerl finde ich immer besonders treffsicher und witzig. Bald weiß ich, was er beruflich macht und wie alt er ist. Ziemlich schnell unterhalten wir uns auch über wesentlich privatere Dinge. Die Vertrautheit der eigenen Umgebung und das Bewusstsein, jederzeit gehen zu können, tragen viel dazu bei, dass man bei solchen nächtlichen Chats wesentlich mehr aus sich herausgeht als bei einen x-beliebigen Kneipengespräch.

Übrigens hat mein Gesprächspartner heutzutage natürlich auch eine Homepage, und weil mein Interesse an ihm sich verdichtet, gucke ich mir die an. Natürlich ist da auch ein Foto von ihm drauf. Ich weiß jetzt so ziemlich alles von ihm – sogar, wie er aussieht. Ist das vielleicht anonym?

Wenn zwei Leute im Chat verschärftes Interesse aneinander feststellen, treffen sie sich normalerweise früher oder später auch im Real Life. Entweder dezent privat oder unverbindlich auf einem öffentlichen Treffen der jeweiligen Usergemeinde.

Das ist dann, als würde man einen Film sehen, dessen Romanvorlage man kennt. Mal sehen, wie die das realisiert haben. Was soll ich sagen, die zwei bis drei Lebensabschnittsgefährten, die ich auf diese Weise kennengelernt habe, haben alle wesentlich besser zu mir gepasst als frühere Zufallsbekanntschaften.

Gerade Individualisten mit Ecken und Kanten haben meiner Meinung nach online bessere Chancen, einen passenden Partner zu finden. Wer sowieso mit jedem auskommt, kann auch in die Disco gehen.

Dyfa meint gerade, ich sehe das alles zu positiv. Aber während sie mit mir chattet, schnarcht neben ihr auf dem Sofa der Typ aus dem IRC, in den sie gerade frisch und glücklich verliebt ist. Trotzdem hat sie in einigen Dingen Recht: Man kann sich selbst online noch besser etwas vormachen als im wirklichen Leben. Man kann wunderbar „seine ganzen Träume und Wunschvorstellungen in das unsichtbare Gegenüber hinein interpretieren“(Dyfa). Solche Online-Beziehungen halten natürlich dem Realistätstest nicht stand.

Man kann sich auch „von Online-Flirt zu Online-Flirt hangeln“(Dyfa), ohne es je auf die desillusionierende RL-Begegnung ankommen zu lassen. Aber wieso auch nicht, wenn’s Spaß macht. Manche Leute peppen dadurch ihre langweilige Ehe auf. Wobei sich die philosophische Frage erhebt, ob man damit den Ehepartner betrügt oder nicht. Eine Frage, die in CompuServe vor einigen Jahren nach längerer Diskussion mehrheitlich so entschieden wurde: „If you don’t put it in, it ain’t cheating.“

Fredrika Gers

Kästen mit Begriffserklärungen:

Chat: Elektronischer Klönschnack. Zwei oder mehr Leute unterhalten sich per Tastatur. Jede eingetippte Bemerkung erscheint sofort bei allen anderen Teilnehmern auf dem Bildschirm, eine fein säuberlich unter der anderen. Es gibt kein Dazwischenreden, und jede Stimme ist gleich laut. Allein der Inhalt zählt.

Chats gibt es in lokalen Mailboxen, bei den großen Online-Diensten und im Internet. Selbst mit dem ältesten Computer und dem langsamsten Modem kann man problemlos chatten.

IRC: Internet Relay Chat. Spezielles Protokoll für den Chat im Internet. Im IRC sind zu jeder Tages- und Nachtzeit tausende von Usern aus der ganzen Welt anzutreffen. Sie verteilen sich der Übersichtlichkeit halber auf hunderte einzelner Chat-Räume, die Channels.

IRC-Programe gibt es für alle Computerplattformen. Jeder, der einen direkten Internet-Zugang hat, kann teilnehmen.

Channel: Die einzelnen Kanäle im IRC sind mit Kneipen für die verschiedensten Geschmäcker zu vergleichen. Man kann sich zum Beispiel geografisch orientieren, von #Hamburg bis #Auckland. Oder demografisch, von #Teens bis #40plus. Oder pornografisch, von #Hotsex bis #Nosex. Und bei Bedarf macht man einfach seinen eigenen Channel auf.


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